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6. September, 2013 von //

150 Jahre Zentralhospital Görlitz

Das Zentralhospital Görlitz, eine Altenpflegeeinrichtung der AWO Oberlausitz, feierte im September 2013 das 150-jährige Bestehen.

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Das älteste Görlitzer Alten- und Armenpflegehaus, das „Hospital zum Heiligen Geist“ oder auch „Neißehospital“ genannt, geht auf den Anfang des 13. Jahrhunderts zurück.

Im 19. Jahrhundert veränderte sich in der Stadt Görlitz das wirtschaftliche und soziale Gefüge durch sprunghaftes Wachstum von Wirtschaft und Industrie, Handel und Gewerbe. Mit der Industrialisierung erfuhr das soziale und kulturelle Leben einen erheblichen Aufschwung.

Im Zuge eines derartigen Wandels verloren auch die altehrwürdigen Hospitäler an Ansehen und Bedeutung. Die Gemäuer waren baufällig, die Einrichtungen veraltet. Die Hospitäler passten nicht mehr in das Bild einer aufstrebenden Industriestadt.

Der Magistrat hegte daher den Gedanken eines großen Hospitalneubaus und erwarb im Jahre 1858 zu diesem Zweck die an der Krölstraße gelegenen Kießlich´schen und Blanck´schen Gartengrundstücke mit einer Größe von 3 Morgen und 176 Quadratmetern für insgesamt 5188 Taler und 3 Groschen.

Am 10. April 1860 wurde das Projekt zur Erbauung eines „Central-Hospitals“ für die Stadt Görlitz dem Magistrat vorgelegt und von diesem dem Oberpräsidenten der Provinz Schlesien zur Einwilligung zugestellt. Nach längeren Verhandlungen wurde am 23. September 1861 die Genehmigung erteilt. Die veranschlagten Kosten beliefen sich auf 54.000 Reichstaler, die realen Kosten betrugen am Ende 60.000 Taler.

Am 23. August 1863 fand in Gegenwart des Magistrats und der Stadtverordneten die feierliche Einweihung des Hospitals statt. Zum Jahresende 1863 lebten 102 Bewohner im Hause, die von 6 Angestellten sowie einigen ehrenamtlichen Personen unter der Leitung des Hospitalverwalters versorgt wurden.

Das Zentralhospital wurde eingebunden in eine städtische Stiftung. So tritt auch mit Wirkung vom 7. September 1866 das Statut des Städtischen Zentralhospitals in Kraft.

Der Zweck des Hospitals besteht in der unentgeltlichen Versorgung armer, erwerbsunfähiger, betagter oder gebrechlicher Görlitzer Bürger mit Wohnung, Beköstigung, Geldunterstützung, Beihilfe zur Bekleidung, Heizung, Beleuchtung und Krankenpflege. Aufgenommen werden durften nur Bürger, die das 60. Lebensjahr vollendet hatten, Bürger die siech geworden und besonderer Hilfe bedürftig waren sowie Bürger mit entsprechenden Verdiensten um die Kommune.

Nach Eröffnung des neuen städtischen Wasserwerkes 1878 erhielt auch das Zentralhospital in sämtlichen Stockwerken eine Wasserzuleitung. In diesem Zusammenhang wurden weitere Badestuben und Duschen eingerichtet, die Wäscherei erweitert sowie ein Dampfwaschapparat zur leichteren Reinigung der Wäsche angeschafft.

Am 23. August 1888 konnte das 25 jährige Gründungsjubiläum des Zentralhospitals feierlich begangen werden. Das Kuratorium bestimmte, dass anlässlich des Jubiläums eine besondere Mahlzeit und ein Fass Bier zu bewilligen ist.

In den Jahren des 1. Weltkrieges musste ein Teil des Zentralhospitals als Lazarett für insgesamt 60 Verwundete genutzt werden, da andere Räumlichkeiten für diesen Zweck nicht zu finden waren.
Am 1. August 1919 konnte das Hospital wieder ausschließlich für die Alten- und Armenumsorge genutzt werden.

1933 beginnt die Herrschaft des Nationalsozialismus und damit für die Bewohner des Zentralhospitals, insbesondere der dort lebenden Geisteskranken, eine schwere Zeit.
Am 1. April 1935 nahmen das beim Magistrat eingerichtete Gesundheitsamt und die „Abteilung für Erb- und Rassenpflege“, seinen Dienst auf. Diese Abteilung war befasst mit der Durchsetzung des nationalsozialistischen Gesetzes zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“ und erstellte eine so genannte „Erbbiologische Kartei“. Darin wurden alle im Stadt- und Kreisgebiet lebenden Geisteskranken, Blinden, Taubstummen, Geschlechtskranken und Siechenhausinsassen erfasst. Diese Erbbiologische Kartei war Grundlage für die Vernichtung behinderter Menschen in Konzentrationslagern und psychiatrischen Landesanstalten.

Auffällig ist in dieser Zeit die große Anzahl der über die Wohlfahrt ins Hospital eingewiesenen Personen. Das hatte seinen Grund zum einen in der hohen Überalterung der Kleinrentenempfänger und zum anderen in einer sich bis zum Ende der nationalsozialistischen Herrschaft kaum verringernden Anzahl der Stadtarmen.

Zum Ende des 2. Weltkrieges wurde der Flüchtlingsstrom aus dem Osten immer stärker. Bereits Anfang 1944 hatte Görlitz 96.986 Einwohner. Im Juli 1944 musste das Zentralhospital die ersten Flüchtlinge aus den Ostgebieten aufnehmen, wobei es sich meist um alte Menschen handelte, die wegen körperlicher Hinfälligkeit nicht weiter ins Landesinnere flüchten konnten.

Der Ministerrat des Landes Sachsen löste mit Beschluss vom 10. Januar 1952 die Stiftung Städtisches Zentralhospital Görlitz auf. Die Einrichtung ging als „Feierabendheim“ auf den Stadtkreis Görlitz über, der Besitz des Zentralhospitals wurde den Vermögenswerten der Stadt überschrieben. Damit verlor das Zentralhospital nach 89 Jahren des sozialen Dienstes als eine mildtätige Stiftung seine Eigenständigkeit.

Mitte der siebziger Jahre wurden für damalige Verhältnisse viele größere Investitionen getätigt, insbesondere im Küchenbereich, deren Ausstattung im Wesentlichen noch aus dem Jahre 1934 stammte. 1973/74 erfolgte der Einbau eines Personenaufzuges, 1982 die Rekonstruktion der Wäscherei.

In den Jahren 1983/84 erhielt das gesamte Haus neue Fenster und in Verbindung mit einer Renovation konnten 250 neue Betten sowie sonstiges Mobiliar angeschafft werden. Bis 1983 waren die damaligen Stationen des Pflegeheimes gänzlich überbelegt. Die Schränke der Bewohner befanden sich größtenteils auf den Korridoren, die großen „Bettensäle“ ließen keinerlei Individualität zu.

Bestanden im Jahre 1977 insgesamt 327 Pflegeplätze, so wurden diese bis zum Jahre 1986 auf 207 reduziert, so dass dadurch zumindest auch einige kleinere Zimmer vergeben werden konnten.

Im Jahr 1992 ging das Staatliche Feierabend- und Pflegeheim in die Trägerschaft der inzwischen wieder gegründeten Arbeiterwohlfahrt über und erhielt den alten Namen „Zentralhospital“ zurück. Gemeinsam mit einem Wiesbadener Architekturbüro entwickelte die AWO ein Sanierungskonzept. Mit Förderung des Freistaates Sachsen, der Stadt Görlitz sowie mittels Eigenkapital konnte das Haus bis 1998 einer Generalsanierung unterzogen werden. Das Zentralhospital ist eingetragen in die Denkmalliste der Stadt Görlitz.

Seit 150 Jahren ist das Zentralhospital seiner eigentlichen Bestimmung erhalten geblieben.